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Mein Leben als Digitaler Nomade

Es ist ja nicht so, daß ich mir immer gewünscht habe, ein „digitaler Nomade“ zu werden, aber es hat sich einfach so ergeben. Wie kommt man dazu, mit 58 Jahren zum digitalen Nomaden zu mutieren und wie fühlt sich dieses Leben nach zwei Jahren an?
Den Begriff digitaler Nomade definiert Wikipedia wie folgt:
„Menschen, die mit telekommunikativen Technologien ihren Lebensunterhalt verdienen und ihr Leben auf nomadische Art und Weise leben. Typischerweise arbeiten sie dabei ortsunabhängig, entweder von zu Hause aus, aus einem Café, Co-Working Spaces, Büchereien … Dabei verrichten sie Arbeiten, die früher traditionell in einem Büro an einem festen Arbeitsplatz verrichtet wurden.“ 
 
Bereits 1964 formulierte der kanadische Medienwissenschaftler Marshall McLuhan in seinem Werk „Understanding Media“ die These, daß der Mensch im elektronischen Zeitalter zum nomadischen Informationssammler wird. Es dauerte dann aber noch 33 Jahre, bis Tsugio Makimoto in seinem Buch den Begriff des „Digital Nomad“ prägte. Dabei existierte diese Form des Arbeitens schon lange vor 1996.
1982 fing ich bei Hewlett Packard (HP) in Deutschland als Trainee im Vertrieb für Großkunden an. Zu dieser Zeit verwendete man zeilenorientierte Terminals, welche Buchstaben entweder in den Farben grün oder „Bernstein“ darstellten. Mobile Datenkommunikation beschränkte sich auf die Verwendung von Akustikkopplern mit einer Geschwindigkeit von 300 Baud/s, durch deren Verwendung man der Deutschen Bundespost gleichzeitig zu enormen Reichtum verhalf. Im gleichen Maße, wie aus Terminals „Personal Computer“ und „Laptops“ wurden, veränderten schnellere Modems und digitale Kommunikationstechniken meine Arbeitsweise.
Nur zwei Jahre später war ich zu 80% meiner Zeit unterwegs, arbeitete in den unterschiedlichsten HP-Büros in Europa und den USA, in Flughäfen und Hotels oder von zu Hause aus. Das war bereits die Vorstufe des digitalen Nomadenlebens, auch wenn ich zu dieser Zeit noch eine feste Adresse hatte. Es waren aber auch die Jahre, in denen das Gewicht mitgeführter Adapter für die unterschiedlichen Telefonanschlußdosen, Stromnetzadapter usw. das Gewicht des (ohnehin schweren) Laptops überstiegen. Nicht zu vergessen der Seitenschneider sowie diverse Schraubenzieher für den Fall, daß das Hoteltelefon fest verdrahtet war.

Es waren die Jahre, in denen ich oft nahe daran war, meinen Laptop aus dem Fenster zu werfen, weil die Übertragung einer Microsoft Powerpoint Präsentation (mit der Größe von 8 MB) mittels Telefonübertragung (dial-up) nach 2 ½ Stunden kurz vor Übertragungsende mit einem Fehler abgebrochen wurde. Aber es war toll. Ich konnte von meinem Hotel- oder Wohnzimmer aus arbeiten und mit meinen Kollegen über Zeit- und Landesgrenzen hinweg kommunizieren. Der erste Schritt in Richtung ortsunabhängiges Arbeiten war also getan. Bis zum richtigen „Nomadenleben“ war es dann aber noch ein längerer Weg.
 
Mit Beginn des neuen Millenniums wurden die Bedingungen für mobiles Arbeiten zunehmend besser. So wuchs die Zahl der DSL-Anschlüsse der Deutschen Telekom von 0.6 Millionen im Jahr 2000 auf 13.3 Millionen im Jahr 2008. Die Vorstellung von Skype im Jahr 2003 durch Niklas Zennström und Janus Friis machte es erstmals möglich, Videogespräche zu führen, ohne Haus und Hof dafür zu verpfänden. So hatte ich neben den bis dahin verbreiteten Kommunikationsmedien Telefon und Email auch (endlich) Video zur Verfügung. Meine Laptops wurden leichter und leistungsfähiger und hatten integrierte Modems.
Den richtigen Schub aber genoss ich mit der Einführung von WiFi-Spots im öffentlichen Raum. 2010 kündigte Starbucks als erstes Unternehmen kostenloses WiFi in allen US-Filialen an und rollte dieses Angebot innerhalb kürzester Zeit weltweit aus. Starbucks setzte damit ein Zeichen, dem viele anderen folgten mußten. Plötzlich hatte ich eine Alternative zu den teuren Datentarifen der Mobilfunkanbieter. Auf die bis dahin üblichen Übertragungsraten (GPRS, 3G) möchte ich erst gar nicht eingehen. Wenn ich nun unterwegs war, führte ich die meisten Gespräche und Videokonferenzen in einem Cafe.
Unsere Urlaubsreisen unternahmen meine Frau und ich zu dieser Zeit auf unseren Motorrädern und wir übernachteten meistens im Zelt. Egal ob Vietnam, Oman oder Zentralanatolien, Wifi und ausreichend Bandbreite zum Arbeiten war überall vorhanden. Bei dieser Art des Reisens habe ich gemerkt, wie wenig es braucht, um glücklich zu sein. Zum Arbeiten braucht es neben einer stabilen Datenverbindung allerdings viel Selbstdisziplin.
Unsere Reisen haben uns zum Nachdenken gebracht. Immer vor Sylvester hatte jeder von uns eine Liste erstellt mit den Dingen, die uns wichtig sind und die wir im kommenden Jahr umsetzen wollen. Mehr Zeit miteinander zu verbringen und nachhaltiger zu leben stand immer ganz oben. Viele Jahre hatten diese Punkte eigentlich Priorität, ohne daß wir sie je zufriedenstellend umgesetzt haben.
Es brauchte eine radikale Entscheidung. Diese fällten wir Anfang 2017 mit dem Entschluß, unseren Wohnsitz in der Schweiz aufzulösen, d.h. alles zu verkaufen/verschenken. Seit September 2017 leben und arbeiten wir in einem (analogen) Landrover Defender mit Dachzelt und bereisten seitdem über 21 Länder in Europa und Nordafrika. Egal ob Kroatien, Serbien, Albanien, Griechenland, Spanien, Marokko oder Rumänien, ich kann von überall mit meinen Kunden und Geschäftspartnern problemlos kommunizieren.
Die Abdeckung der 4G-Mobilfunknetze ist in Ländern wie Rumänien oder Marokko gefühlt um einiges besser als in Deutschland. Alles, was ich zum Arbeiten brauche, ist mein MacBook Pro mit SSD-Laufwerk, ein mobiler Hotspot (mit wechselnden „prepaid“ Daten-SIM-Karten lokaler Provider) und ein externes Mikrofon mit Geräuschunterdrückung (noise cancelling).
Dank der schnellen Mobilfunknetze, flexibler Datentarife (incl. Roaming im EU-Ausland) und unserer „radikalen Entscheidung in 2017“ ist es uns gelungen, die beiden wichtigsten Punkte unserer persönlichen ToDo-Liste umzusetzen. Das digitale Nomadenleben bedeutet zwar, auf viele Sicherheiten zu verzichten, belohnt uns dafür aber jeden Tag mit Freiheit und mehr Zeit für die wirklich wichtigen Dinge im Leben.